Blau – Natur – Technik ::: Occupy Reality!

Zingst, blau. Foto: Hufner

In betrübter politischer Lage. Man sollte sich davon nicht okkupieren lassen und weiterhin das Richtige machen. Und auch manches Unwichtige.  Occupy Reality!

Zingst, blau. Foto: Hufner
Zingst, blau. Foto: Hufner

 

„Die bildliche Beteuerung, daß die Bäume grün sind, der Himmel blau und die Wolken ziehen, macht sie schon zu Kryptogrammen für Fabrikschornsteine und Gasolinstationen. Umgekehrt müssen Räder und Maschinenteile ausdrucksvoll blinken, entwürdigt zu Trägern solcher Baum- und Wolkenseele. So werden Natur und Technik gegen den Muff mobilisiert, das gefälschte Erinnerungsbild der liberalen Gesellschaft, in der man angeblich in schwülen Plüschzimmern sich herumdrückte, anstatt, wie es heute der Brauch, asexuelle Freiluftbäder zu nehmen, oder in vorweltlichen Benzmodellen Pannen erlitt, anstatt raketenschnell von dort, wo man ohnehin ist, dahin zu gelangen, wo es nicht anders ist.“

Band 3: Dialektik der Aufklärung: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1367 (vgl. GS 3, S. 171-172)

Grau – Beckett – Adorno

Grauer Blick. Foto: Hufner

Geglättete Wogen vor der Nacht. Keine Nacht!

Grauer Blick. Foto: Hufner
Grauer Blick. Foto: Hufner

    HAMM: Und der Horizont? Nichts am Horizont?
CLOV (das Fernglas absetzend, sich Hamm zuwendend, voller Ungeduld): Was soll denn schon am Horizont sein?
Pause.
HAMM: Die Wogen, wie sind die Wogen?
CLOV: Die Wogen? (Er setzt das Fernglas an.) Aus Blei.
HAMM: Und die Sonne?
CLOV (schauend): Keine.
HAMM: Sie müßte eigentlich gerade untergehen.
Schau gut nach.
CLOV (nachdem er nachgeschaut hat): Denkste.
HAMM: Es ist also schon Nacht?
CLOV (schauend): Nein.
HAMM: Was denn?
CLOV (schauend): Es ist grau. (Er setzt das Fernglas ab und wendet sich Hamm zu. Lauter.) Grau! (Pause. Noch lauter.) GRAU!

Samuel Beckett, Endspiel und Alle die da fallen, übertr. von Elmar Tophoven, Frankfurt a.M. 1957, S. 33. Zitiert nach: Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, GS 11, S. 288

Möwe Betankung

Möwenfütterung in Wustrow. Foto: Hufner

Erstaunlich wie sich die Tiere in dieser Luft halten können, wie sie dem Wind standhalten, wie sie dabei ihr Leben führen. Ganz ohne Informationen eines zentralen Pools. Das Leben muss geführt werden.

Möwenfütterung in Wustrow. Foto: Hufner
Möwenfütterung in Wustrow. Foto: Hufner

 

 Nordisch

Die Luft ist grau und grau das Meer,
Der Wind fegt pfeifend drüber her,
Die Möwe kreischt, die Brandung wallt, –
Wie ward mein Herz so sterbensalt!
Traurig rinnen die Tage.

Wohl hab‘ ich andre Zeit gekannt,
Wir fuhren im Nachen, Hand in Hand,
Das Meer war blau, die Sonne schien,
Ich sah und wußte nichts als ihn;
Selig waren die Tage.

Nun liegt der Kahn und fault am Strand,
Er aber ging ins fremde Land,
Er ging, ein hohes Weib zu frein, –
Gott geb‘ ihm Glück! Das Leid ist mein.
Traurig rinnen die Tage.

Geibel: Spätherbstblätter. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 29982 (vgl. Geibel-Werke Bd. 2, S. 369)