Moderne Kamerahaltung III: Gedankenübertragung

Kabellose Gedankenübertragung. Quelle: fotolia

Wir wissen nicht genau, welcher Kamerahersteller heimlich dieses Bild:

Kabellose Gedankenübertragung. Quelle: fotolia
Kabellose Gedankenübertragung. Quelle: fotolia

in einem Stockfotoarchiv verbuddelt hat, denn erstaunlicherweise ist das Bild eigentlich ziemlich scharf, nur die Schrift auf dem Objektiv ist irgendwie unklar. Wie auch immer, dieser Hersteller wird sicherlich die nächste photokina rocken.

Kameratechnik vom Feinsten. Foto: fotolia
Kameratechnik vom Feinsten. Foto: fotolia

Offensichtlich ist es ihm nämlich gelungen, eine kabellose Verbindung zum Gehirn und den Arealen des Gehirns zu konstruieren, die für die Verarbeitung von optischen Reizen zuständig sind. Ziemlich genial und sehr erfreulich für die Fotografin wie man sieht.

Es dürfte ein leichtes sein, ein bisschen graue Masse per Bluetooth-Verbindung in weiterverarbeitende Geräte zu bugsieren. Ich kann nur sagen: WOW.

Andere haben ja ein Brett vorm Kopp, das hat ein ähnlichen Effekt.

Das langweiligste Foto der Welt

Haus der Familie

Es gehört zu den dialektischen Momenten der Kunsttheorie und des Kunstmarktes, dass Erfolg und Qualität überhaupt nicht korrelieren. Man kennt es aus jeder Ecke des Kunstmarktes, sei es bei Musik, Skulptur, Architektur, Bildender Kunst oder auch bei der Fotografie. Nur sehr selten ist etwas sehr Erfolgreiches auch reich an Qualität. BILD-Zeitung, ADAC, Bundeskanzlerin, Phil Glass …

Der Umkehrschluss ist gleichwohl nicht gestattet, dass das, was erfolglos ist, hohe künstlerische Qualität zeitigt. Denn erfolglos im Sinne des Marktes sind fast alle Teilnehmer am Kunstspiel. Kunsterfolg ist risikoreich. Pierre-Michel Menger hat dies wunderbar herausgearbeitet in seiner Studie „Kunst und Brot“ von 2002 (dt. 2006). Das nur am Rande erwähnt. Zurück zum Thema.

Vor kurzem veröffentlichte der Stockfotodienst „Fotolia“ seine erfolgereichsten Produkte des letzten Jahres. Welches Foto hatte die häufigste Nutzung?

Platz 1:
Beautiful girl enjoying the summer sun.
Autor: Evgenyatamanenko (Russland)
Link: http://de.fotolia.com/id/42158128

Schon die Beschreibung „Schönes Mädchen, die Sommersonne genießend“ lässt ein etwas ratlos zurück – wenn man genau hinschaut, müssen einem Zweifel kommen, ob da überhaupt Sonne im Spiel ist, geschweige denn Sommersonne. Wo sind die Schatten im Gesicht? Aber auch die Frage: Was kann man mit diesem Foto eigentlich überhaupt machen, wofür lässt es sich einsetzen, birgt Probleme. Ich habe keinen einzigen vernünftigen Grund gefunden; andere offenbar schon.

Nach einer Internetsuche finden sich folgende Konnotationen, in diesen Zusammenhängen wird es im Netz eingesetzt:

„Binden und Slipeinlagen, Histaminintoleranz, Psychotherapie, Ausschlag und Infektionen, Haushaltshilfe, Umweltmanagement, Wanderurlaub, Sanfter Alkohol-Drogen-Medikamenten-Entzug, Entspannung, Arbeiterwohlfahrt, gesunder Schlaf, Anti-Stress, Entspannung, alternative Heilkunde“

Bei einem weiteren Stockfotodienst findet man mit der gleichen Beschreibung ein anderes Foto. Die Haltung mit weit ausgebreiteten Armen gleich Flügeln ist ähnlich, sonnenanbetend. Aber es wirkt im Vergleich zum Fotolia-Foto viel zu streng, allein schon durch den blauen Hintergrund, der leider einen im wahrsten Sinne des Wortes etwas kalt zurücklässt. Dieses Girl könnte auch am Nordpol stehen und bald frieren. Oder denken wir an dieses bekannte Still aus dem berühmten Film.

Erfolgreich in diesem engeren Sinn sind Fotos, die auf viele Einsatzbereiche passen (oder einen ganz engen – Beispiel die fotografische Reproduktion eines Fussballs). Mit den interpretationsleeren Fotos jedoch kann man Webserver ebenso verschönern wie ganze Abitursjahrgänge zum Abiball einladen. Das erfolgreichste Bild muss zugleich das langweiligste sein, dass aber jedem Einzelnen als „passend“ erscheint.

Nun sagen derlei Erfolge immer zweierlei aus: Erstens: Die Bilder wären nicht erfolgreich, wenn nicht die Werbeindustrie meinen wollte, dass diese Bilder ankommen und zweitens die Klientel scheint wirklich so gestrickt zu sein, dass sie diese Bilder bevorzugt. Das berühmte Phänomen, dass man genau das bekommt, was man haben will und man haben will, was man auch bekommt.

Haus der Familie
Haus der Familie

Insbesondere bei scheinbar Unwichtigem setzt sich das besonders durch. Ästhetik ist ja schließlich ziemlich schnurz und über Geschmack lässt sich streiten, wenn auch nicht vernünftig.

Man bekommt das Phantom der Wirklichkeit geliefert, so wie man es braucht.