Bruchstück einer Fototheorie, die niemand braucht

Was ist denn das, ein Foto? Schon die Antwort ist unmöglich zu geben. Das geht nicht.

  1. Man sollte davon ausgehen, dass es Fotos nichts gibt.
  2. Auf meinem Schreibtisch liegen also Dinge, die es nicht gibt; Fotografien.
  3. Auf dem Monitor meines Fotoapparates, dem Monitor meines Computers werden Dinge angezeigt, die es nicht gibt.
  4. Ich besitze eine Zeitschrift, die sich unter anderem mit Dingen beschäftigt, die es nicht gibt.
immer objektiv bleiben. Foto: Hufner
immer objektiv bleiben. Foto: Hufner

Was ist eine Foto? Eine Abbildung? Was bildet sie ab? Ein Objekt? Und welchen Sinn hat das? Das Foto ist die Materie, die die Abbildung in sich trägt. Und doch entsteht das Foto nicht auf dem Papier, dort ist nur ein merkwürdiger Gegenstand, der Foto genannt wird. Das Foto bildet sich erst ab in der Betrachtung. So wie auch Musik und die ganze Umwelt.

Vor mir liegen Noten mit Musik. Sie sind nicht die Musik. Aber ich bilde mir ein, dass es sich um eine Beschreibungssprache handelt, die ich mir mit Mühe und Not vorstellen kann.

Welche Beschreibungssprache hat ein Bild, ein Foto? Es beschreibt sich selbst, es ist die Beschreibungssprache. Und ich stelle mir genau so mit Mühe Not vor zu sehen, was ich sehe.

Gursky für Arme

Gursky für Arme
Gursky für Arme. Foto: Hufner
Gursky für Arme. Foto: Hufner

Der Fotograf Andreas Gursky ist kaum zu übertreffen. Das ist Kunst und gut!

Wenn man nicht ganz so wichtig ist im Leben wie so ein Meister, dann hat man auch andere Motive, die etwas flacher sind und näher an der Wirklichkeit, die häufig genug ja weniger Wirklichkeit ist, als die der künstlerischen Annäherung. Gursky verzerrt zur Wirklichkeit (99 Cent). Hier verzerrt die Wirklichkeit nur die Kunst. Lidl-Abverkauf im alten Obi-Garten-Gebäude in Stahnsdorf.

Würde man die Fotografien direkt nebeneinanderstellen, würde man bemerken, dass das eine ein Schnappschuss ist, das andere aber schwer bearbeitet und ausgeklügelt. Mal abgesehen von der Größe. Aber beides ist Supermarkt.

Man kann sich aber schon fragen, ob Gursky mit seiner Serie in der Serie nicht eine rein dingneutrale Sichtweise favorisiert, die eben ein bisschen wie ein fotografischer Malkasten rüberkommt, ein bisschen wie ein Testbild wirkt. Kunst als unschönes Scheinen.

Die Konstruktion ersetzt die pure Wiedergabe, die, wie man aus der philosophischen Ästhetik weiß, sowieso nie einfach nur eine Wiedergabe ist, sondern das Bild eines Bildes. Somit einerseits defizitär und andererseits überschießend.