Das langweiligste Foto der Welt

Haus der Familie

Es gehört zu den dialektischen Momenten der Kunsttheorie und des Kunstmarktes, dass Erfolg und Qualität überhaupt nicht korrelieren. Man kennt es aus jeder Ecke des Kunstmarktes, sei es bei Musik, Skulptur, Architektur, Bildender Kunst oder auch bei der Fotografie. Nur sehr selten ist etwas sehr Erfolgreiches auch reich an Qualität. BILD-Zeitung, ADAC, Bundeskanzlerin, Phil Glass …

Der Umkehrschluss ist gleichwohl nicht gestattet, dass das, was erfolglos ist, hohe künstlerische Qualität zeitigt. Denn erfolglos im Sinne des Marktes sind fast alle Teilnehmer am Kunstspiel. Kunsterfolg ist risikoreich. Pierre-Michel Menger hat dies wunderbar herausgearbeitet in seiner Studie „Kunst und Brot“ von 2002 (dt. 2006). Das nur am Rande erwähnt. Zurück zum Thema.

Vor kurzem veröffentlichte der Stockfotodienst „Fotolia“ seine erfolgereichsten Produkte des letzten Jahres. Welches Foto hatte die häufigste Nutzung?

Platz 1:
Beautiful girl enjoying the summer sun.
Autor: Evgenyatamanenko (Russland)
Link: http://de.fotolia.com/id/42158128

Schon die Beschreibung „Schönes Mädchen, die Sommersonne genießend“ lässt ein etwas ratlos zurück – wenn man genau hinschaut, müssen einem Zweifel kommen, ob da überhaupt Sonne im Spiel ist, geschweige denn Sommersonne. Wo sind die Schatten im Gesicht? Aber auch die Frage: Was kann man mit diesem Foto eigentlich überhaupt machen, wofür lässt es sich einsetzen, birgt Probleme. Ich habe keinen einzigen vernünftigen Grund gefunden; andere offenbar schon.

Nach einer Internetsuche finden sich folgende Konnotationen, in diesen Zusammenhängen wird es im Netz eingesetzt:

„Binden und Slipeinlagen, Histaminintoleranz, Psychotherapie, Ausschlag und Infektionen, Haushaltshilfe, Umweltmanagement, Wanderurlaub, Sanfter Alkohol-Drogen-Medikamenten-Entzug, Entspannung, Arbeiterwohlfahrt, gesunder Schlaf, Anti-Stress, Entspannung, alternative Heilkunde“

Bei einem weiteren Stockfotodienst findet man mit der gleichen Beschreibung ein anderes Foto. Die Haltung mit weit ausgebreiteten Armen gleich Flügeln ist ähnlich, sonnenanbetend. Aber es wirkt im Vergleich zum Fotolia-Foto viel zu streng, allein schon durch den blauen Hintergrund, der leider einen im wahrsten Sinne des Wortes etwas kalt zurücklässt. Dieses Girl könnte auch am Nordpol stehen und bald frieren. Oder denken wir an dieses bekannte Still aus dem berühmten Film.

Erfolgreich in diesem engeren Sinn sind Fotos, die auf viele Einsatzbereiche passen (oder einen ganz engen – Beispiel die fotografische Reproduktion eines Fussballs). Mit den interpretationsleeren Fotos jedoch kann man Webserver ebenso verschönern wie ganze Abitursjahrgänge zum Abiball einladen. Das erfolgreichste Bild muss zugleich das langweiligste sein, dass aber jedem Einzelnen als „passend“ erscheint.

Nun sagen derlei Erfolge immer zweierlei aus: Erstens: Die Bilder wären nicht erfolgreich, wenn nicht die Werbeindustrie meinen wollte, dass diese Bilder ankommen und zweitens die Klientel scheint wirklich so gestrickt zu sein, dass sie diese Bilder bevorzugt. Das berühmte Phänomen, dass man genau das bekommt, was man haben will und man haben will, was man auch bekommt.

Haus der Familie
Haus der Familie

Insbesondere bei scheinbar Unwichtigem setzt sich das besonders durch. Ästhetik ist ja schließlich ziemlich schnurz und über Geschmack lässt sich streiten, wenn auch nicht vernünftig.

Man bekommt das Phantom der Wirklichkeit geliefert, so wie man es braucht.

Moderne Kamerahaltung I: Kameraliebe

Frauen-Foto bei Aldi

Im Gegensatz zu meiner verehrten Kollegin Pe Pa habe ich keine Angst vor Abmahnungen oder ähnlichem. Also Angst schon, weil es einen ja immer treffen kann, aber auch keine Angst, weil, weswegen. Abmahnen kann ja jeder jeden aus jedem begründeten und unbegründeten Grund. Das vorweg.

Man kann die Sache ja auch von der anderen Seite aufdröseln. Zumindest die Haltung von Fotoapparaten in Funk, Fernsehen und Internet hätte demnach nix mit Jendajendajenda zu tun.

Frauen-Foto bei Aldi
Frauen-Foto bei Aldi. Aufnahme aus dem Screen von http://www.alditalk.de/nord/ am 15.1.2014.

Je nun. Das Bild ergibt nur einen Sinn, wenn man sich statt des schwarzen Kastens, der an den Fingern klebt, den Kopf eines Kerls vorstellt. Wie zärtlich und schmeichlerisch, wie verzückt und mit dem Ausdruck der Koketterie die Dame da doch im Gegenlicht grient. Sie beschützt den Betrachter sogar vor einer Blendung durch die Sonne. Soviel Fürsorge! *kraulkraul*

Das gemeinte Foto
Das gemeinte Foto

Gute Werbung, jetzt echt. Genickbruch droht. Angesprochen werden entsprechend taktende Mämmer (äh, Männer), die, klopfklopfklick, das Fensterchen öffnen, um endlich den ersehnten Umsatz mit ihren vollkommenen Fotos zu machen auf die es echt nicht ankommt.

Ich gehe jede Wette ein, dieses Werbebildchen hat keine Frau gemacht und keine Frau fotografiert. Es ist ja nicht einmal sicher, ob eine Frau abgebildet ist.

Und in der Tat: Es es ein Stockfoto (Fokus auf Mund).

Hier noch eine weitere Variante, die der seinerzeit sehr große Fotochemie-Produzent „tetenal“ auf seiner Startseite präsentiert (wird rotierend mit anderen absurden Fotos dargestellt). Wer früher seine Filme noch selbst entwickelte oder Bilder abzog, kennt die Firma aus dem FF. Müssen die aber heute auf Stockbilder zurückgreifen, die wirklich nicht einmal die allerbesten sind? So als fotoaffiner Laden?

tetenal website
tetenal website

Und das ist der Unterschied ums Ganze. Die Frau sieht die Frau, der Mann sieht die den Fotoapparat, also eben sich selbst.